Bruns

Christoph Bruns Aktien leiden in jeder Krise am meisten

[10:45, 16.11.11]


Erratisch zeigen sich die Weltbörsen in den vergangenen Monaten. Im medialen Mittelpunkt der Aufgeregtheit stehen die Euro-Zone und ihr glückloser, aber zugleich chaotischer Versuch, das überschuldete Griechenland vor der Pleite zu bewahren. Mit Italien ist jetzt auch ein großes europäisches Land ins Zentrum der Spekulation geraten. Die Börsenrituale fallen erwartungsgemäß aus.


Der Bund-Future erklimmt neue Höhen, und Aktien leiden, wie in jeder Krise, am meisten. Ironischerweise wird den Dividendenpapieren ihre hohe Fungibilität und Liquidität – ein wichtiger Vorzug gegenüber anderen langfristigen Kapitalanlagen – zum Nachteil. Das war immer so und wiederholt sich auch heute. Dabei lässt sich auf den ersten Blick erkennen, dass die gegenwärtigen Probleme keineswegs bei den Unternehmen bestehen, sondern mit den Zinsmärkten zu tun haben. Das dürfte eigentlich nur die Banken treffen. Doch Aktien aus dem Industrie-, Dienstleistungs- und Handelsbereich werden in Sippenhaft genommen. Dahinter verbirgt sich die Furcht vor einer ernst zu nehmenden Konjunkturdelle. Andererseits ließe sich argumentieren, dass eine solche konjunkturelle Eintrübung längst in den Kursen eingepreist ist. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, das große Wirtschaftsbild nicht aus den Augen zu verlieren. Es malt: Währungen kommen und verschwinden im Lauf der Jahrzehnte. Nominalanlagen überdauern wesentliche Wirtschaftskrisen nicht. Gold behält seinen Wert, wird jedoch im Lauf der Zeit nicht wertvoller. Anders liegen die Dinge bei Unternehmens­beteiligungen in liquider Form, die wir als Aktien kennen.

Unternehmen sind dynamische Einrichtungen, die im Lauf der Zeit wertvoller werden, sofern sie ihre Produkte, Herstellungsprozesse und andere Faktoren fortwährend optimieren. Zudem können sich Unternehmen auf neue wirtschaftliche Bedingungen einstellen, was insbesondere gegenüber Immobilien einen großen Vorteil darstellt. Denn Unternehmen können Produktpreise anpassen, Produktion verlagern oder Wettbewerber übernehmen. Wer dann noch in der Lage ist, die Funktionsweise von Börsen zu verstehen, der hat die Chance, langfristig vorteilhaft zu investieren. Hierzu ist es wichtig, beim Aktienkauf auf günstige Preise zu achten. Außerdem ist es unerlässlich, sinnvolle internationale Streuung zu betreiben. Denn es spricht vieles dafür, dass unsere Rente bei einem zunehmend kapitalgedeckten Altersvorsorgesystem künftig zum Teil von chinesischen und brasilianischen Unternehmen erarbeitet werden muss. Anleger sollten nicht vergessen, dass der demografische Wandel in Wahrheit die größte Herausforderung Deutschlands und Europas darstellt.

Was soll man also heute tun? In meinen Augen gibt es aktuell zu einem gut gestreuten Aktienportfolio überhaupt keine sinnvolle Alternative, sofern man langfristige Anlageziele verfolgt. In Anbetracht der Gelddruckorgien der Notenbanken – allen voran die amerikanische Fed, aber zunehmend auch die EZB – spricht ohnehin alles dafür, dass wir so etwas wie eine Sachwerte-Inflation bekommen. Denn die überschüssige Liquidität wird zu einem großen Teil in Unternehmensbeteiligungen und Rohstoffe fließen. Zugleich schwebt über den Anleihemärkten das Damoklesschwert eines Kurseinbruchs. Er wird kommen, man weiß nur nicht wann.


CHRISTOPH BRUNS ist seit 2004 Partner und Fondsmanager beim Investmenthaus LOYS. Zuvor leitete er das Aktien-Fondsmanagement bei Union Investment.

Seit 2002 lebt Bruns in Chicago, von wo aus er regelmäßig für BÖRSE ONLINE über die aktuellen Entwicklungen am Aktienmarkt schreibt.



 



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