Gottfried Heller ist Senior Partner der Fiduka-Depotverwaltung
in München. Sein Gespür für Finanz- und Wirtschaftstrends hat
dem ehemaligen Partner der Börsenlegende André Kostolany
einen exzellenten Ruf in der Branche eingetragen.
In BÖRSE ONLINE
schreibt er über die Finanzmärkte.
Die Katastrophe, die Japan am 11. März widerfahren ist, übertrifft selbst biblische Ausmaße. Für diese Tragödie und das menschliche Leid findet man kaum noch Worte. Angesichts der Schreckensbilder ist es kein Wunder, dass an den Börsen Panik ausbrach. Doch Emotionen und Panik sind schlechte Ratgeber. Bei nüchterner Betrachtung waren die Börsen seit einiger Zeit reif für eine Korrektur. Da war Verschiedenes zusammengekommen:
– die nicht gelöste Krise der europäischen Schuldnerländer
– die Ankündigung der Europäischen Zentralbank, dass sie schon im April den Zinssatz erhöhen werde
– die Aufstände in den arabischen Ländern, besonders in Libyen, und der dadurch verursachte Anstieg der Ölpreise
– wachsende Inflationsbefürchtungen
Die Katastrophen in Japan werden die Weltwirtschaft aber nicht aus den Angeln heben. Allein der wachsende Beitrag der Schwellenländer – allen voran China – kann dessen kurzfristige Konjunkturschwäche ausgleichen. Andere Industrieländer wie die USA, Korea und insbesondere Deutschland können Lieferausfälle Japans zu einem guten Teil kompensieren. Allerdings kann es bei Einzelteilen und Vorprodukten – wie Chips aus Japan – besonders in Asien zu Produktionsstörungen kommen. In Japan, das nach dem Platzen der Aktien- und Immobilienblase Anfang der 90er-Jahre wirtschaftlich nicht mehr richtig auf die Beine kam und ständig mit Deflation zu kämpfen hatte, heißt es nun anpacken, Trümmer wegräumen, Häuser, Straßen und Kraftwerke bauen und beschädigte Fabriken reparieren. Ein gigantisches Wiederaufbauprogramm steht an.
Anders als bei früheren Katastrophen hat diesmal die japanische Notenbank sofort mit massiven Geldspritzen den freien Fall der Börsen aufgehalten. In wenigen Tagen hat sie etwa 350 Mrd. Euro in den Finanzmarkt gepumpt. Gleichzeitig wollte sie damit auch den Anstieg des Yen bremsen, der gegenüber dem Dollar den höchsten Stand seit der Nachkriegszeit erreichte. Die Stärke des Yen ist technisch bedingt, weil die Japaner einen großen Teil ihrer Ersparnisse im Ausland wegen der dort höheren Zinsen angelegt haben und dieses Geld nun nach Hause zurückholen und von Dollar oder Euro in Yen umtauschen. Mit ihrer massiven Geldflutung schlägt die japanische Notenbank gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ein schwächerer Yen hilft dem Export und bringt zudem ein bisschen erwünschte Inflation nach Japan.
Vorausgesetzt es kommt nicht zu einem Super-GAU, wird sich das Wachstum der japanischen Wirtschaft nach einer temporären Delle wieder beschleunigen. Die stärksten Impulse kommen vom Bau. Insgesamt werden die Notenbanken eine relativ lockere Geldpolitik beibehalten. Dieses geldpolitische und wirtschaftliche Umfeld ist günstig für die Aktienmärkte, denn etwas Inflation – solange sie sich in Grenzen hält, was ich erwarte – ist gut für Aktien. Nur der Kampf gegen eine zu hohe Inflation mit hohen Zinsen, die es vorläufig nicht geben wird, wäre schlecht für Dividendentitel. Aktien sind noch moderat bewertet. So liegt das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) beim DAX für das Jahr 2011 bei etwa 10, für 2012 nur bei 9. Die Bewertungen der Aktien im Euro Stoxx 50 liegen sogar noch darunter. Branchen, die derzeit attraktiv erscheinen, sind Investitionsgüter, Baumaschinen, Automobile, Energie und Rohstoffe.

Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Schreiben Sie uns zu diesem Beitrag Ihren Kommentar. Wir freuen uns über einen lebhaften Austausch.
Die neue Ausgabe von BÖRSE ONLINE erscheint am 24. März. Sollten wir Ihr Interesse geweckt haben, dann schließen Sie doch gleich ein Probeabo ab. Informieren Sie sich in unserem
Abo-Shop.
Empfehlen