Ein Jahresausblick ist immer eine gewagte Sache. In diesem Jahr ist es besonders schwer, substanzielle Aussagen zu machen, da fast alle makroökonomischen Fakten von politischen Ereignissen überlagert werden, die noch weniger einschätzbar sind als wirtschaftliche und finanzielle Zusammenhänge.
Wie schon im vergangenen Jahr wird die
Euro-Schuldenkrise auch im neuen Jahr weiterschwelen und für
Turbulenzen sorgen. Die Beschlüsse des Euro-Gipfels vom
9. Dezember sehen zahlreiche Vertragsänderungen für die
Euro-Länder vor, darunter eine Schuldenbremse, Kontrolle der
Budgets und automatische Sanktionen. Das wird bei den
17 Mitgliedsländern zu Konflikten führen. In den USA herrscht
schon Wahlkampf, und die Republikaner blockieren und
sabotieren alles, was Präsident Barack Obamas Chancen auf eine
Wiederwahl verbessern könnte. Schon im März kommt die
leidige Frage der Anhebung der Schuldenobergrenze auf
Wiedervorlage. Bis die Verträge in Europa unter Dach und Fach
sind und bis die Paralyse der amerikanischen Politik endet,
werden mindestens die ersten vier bis fünf Monate des Jahres
vergehen. In dieser Zeit könnte der Höhepunkt der Euro-Krise
liegen, verbunden mit erhöhter Nervosität und Volatilität an den
Finanzmärkten. Auf der positiven Seite ist zu verbuchen, dass
infolge der weltweiten Konjunkturabschwächung die Inflation
allerorts sinkt. Anders als im vergangenen Jahr können jetzt alle
Notenbanken – auch die der Emerging Markets – an einem
Strang ziehen. Sie werden die Zinsen senken und eine
ultraexpansive Geldpolitik betreiben.
Der Anlagenotstand bleibt bestehen, ja er verschlimmert
sich noch. Während das Wachstum in Europa gegen null
tendiert, wird die Wirtschaft in den USA und ganz besonders in
den Schwellenländern an Tempo zulegen. Im Dezember stieg
der Konjunkturindex der Einkaufsmanager in den USA und in
China deutlich an. Die größeren, wachstumsstärkeren Regionen
der Welt ziehen die kleineren Krisenländer mit. An den Börsen
herrscht großer Pessimismus. Aktien sind überverkauft. Die
Markttechnik ist positiv. Das alles sind Kaufsignale. Überdies
sind Aktien günstig bewertet. Selbst wenn die Gewinne der
Unternehmen nicht weiter steigen sollten, liegt das KGV beim
DAX und beim Euro Stoxx 50 bei 10 oder weniger. Der S&P 500
ist mit KGV 12 nur etwas teurer. Auch die Emerging Markets
sind nach den starken Kurseinbußen wieder sehr attraktiv.
Anstatt in den Chor der Schwarzmaler einzustimmen, ist wohl
die Annahme gerechtfertigt, dass sich die Welt, wenn nichts
Unvorhergesehenes passiert, durchwursteln wird.
Mit diesem Szenario vor Augen gilt es daher, konservativ
anzulegen, bei Aktien auf hohe und sichere Dividende zu
achten, vorwiegend Titel zu wählen, die wenig konjunkturabhängig
sind, und von Bankaktien die Finger zu lassen. Für
den besonders vorsichtigen oder älteren Anleger empfiehlt sich
ein gemischtes Depot mit Aktien und Anleihen. Anstelle von
Staatsanleihen sind Industrieanleihen mit Investmentgrade
sowie Pfandbriefe jeweils mit Laufzeiten von drei bis vier Jahren
zu bevorzugen. Nachdem sich im Laufe des Jahres der Nebel an
den Finanzmärkten etwas gelichtet haben wird, bestehen gute
Aussichten, dass die Börsen 2012 deutlich im Plus beschließen.

Gottfried Heller ist Senior Partner der Fiduka-Depotverwaltung
in München. Sein Gespür für Finanz- und Wirtschaftstrends hat
dem ehemaligen Partner der Börsenlegende André Kostolany
einen exzellenten Ruf in der Branche eingetragen.
In BÖRSE ONLINE
schreibt er über die Finanzmärkte.
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