Heller

Gottfried Heller Etwas Licht in den Nebel an den Finanzmärkten

[10:45, 11.01.12]


Ein Jahresausblick ist immer eine gewagte Sache. In diesem Jahr ist es besonders schwer, substanzielle Aussagen zu machen, da fast alle makroökonomischen Fakten von politischen Ereignissen überlagert werden, die noch weniger einschätzbar sind als wirtschaftliche und finanzielle Zusammenhänge.


Wie schon im vergangenen Jahr wird die Euro-Schuldenkrise auch im neuen Jahr weiterschwelen und für Turbulenzen sorgen. Die Beschlüsse des Euro-Gipfels vom 9. Dezember sehen zahlreiche Vertragsänderungen für die Euro-Länder vor, darunter eine Schuldenbremse, Kontrolle der Budgets und automatische Sanktionen. Das wird bei den 17 Mitgliedsländern zu Konflikten führen. In den USA herrscht schon Wahlkampf, und die Republikaner blockieren und sabotieren alles, was Präsident Barack Obamas Chancen auf eine Wiederwahl verbessern könnte. Schon im März kommt die leidige Frage der Anhebung der Schuldenobergrenze auf Wiedervorlage. Bis die Verträge in Europa unter Dach und Fach sind und bis die Paralyse der amerikanischen Politik endet, werden mindestens die ersten vier bis fünf Monate des Jahres vergehen. In dieser Zeit könnte der Höhepunkt der Euro-Krise liegen, verbunden mit erhöhter Nervosität und Volatilität an den Finanzmärkten. Auf der positiven Seite ist zu verbuchen, dass infolge der weltweiten Konjunkturabschwächung die Inflation allerorts sinkt. Anders als im vergangenen Jahr können jetzt alle Notenbanken – auch die der Emerging Markets – an einem Strang ziehen. Sie werden die Zinsen senken und eine ultraexpansive Geldpolitik betreiben.

Der Anlagenotstand bleibt bestehen, ja er verschlimmert sich noch. Während das Wachstum in Europa gegen null tendiert, wird die Wirtschaft in den USA und ganz besonders in den Schwellenländern an Tempo zulegen. Im Dezember stieg der Konjunkturindex der Einkaufsmanager in den USA und in China deutlich an. Die größeren, wachstumsstärkeren Regionen der Welt ziehen die kleineren Krisenländer mit. An den Börsen herrscht großer Pessimismus. Aktien sind überverkauft. Die Markttechnik ist positiv. Das alles sind Kaufsignale. Überdies sind Aktien günstig bewertet. Selbst wenn die Gewinne der Unternehmen nicht weiter steigen sollten, liegt das KGV beim DAX und beim Euro Stoxx 50 bei 10 oder weniger. Der S&P 500 ist mit KGV 12 nur etwas teurer. Auch die Emerging Markets sind nach den starken Kurseinbußen wieder sehr attraktiv. Anstatt in den Chor der Schwarzmaler einzustimmen, ist wohl die Annahme gerechtfertigt, dass sich die Welt, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, durchwursteln wird.

Mit diesem Szenario vor Augen gilt es daher, konservativ anzulegen, bei Aktien auf hohe und sichere Dividende zu achten, vorwiegend Titel zu wählen, die wenig konjunkturabhängig sind, und von Bankaktien die Finger zu lassen. Für den besonders vorsichtigen oder älteren Anleger empfiehlt sich ein gemischtes Depot mit Aktien und Anleihen. Anstelle von Staatsanleihen sind Industrieanleihen mit Investmentgrade sowie Pfandbriefe jeweils mit Laufzeiten von drei bis vier Jahren zu bevorzugen. Nachdem sich im Laufe des Jahres der Nebel an den Finanzmärkten etwas gelichtet haben wird, bestehen gute Aussichten, dass die Börsen 2012 deutlich im Plus beschließen.


Gottfried Heller ist Senior Partner der Fiduka-Depotverwaltung in München. Sein Gespür für Finanz- und Wirtschaftstrends hat dem ehemaligen Partner der Börsenlegende André Kostolany einen exzellenten Ruf in der Branche eingetragen.

In BÖRSE ONLINE schreibt er über die Finanzmärkte.



 



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© 2012 boerse-online.de, © Illustration: Hans Scherhaufer

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