Gottfried Heller ist Senior Partner der Fiduka-Depotverwaltung
in München. Sein Gespür für Finanz- und Wirtschaftstrends hat
dem ehemaligen Partner der Börsenlegende André Kostolany
einen exzellenten Ruf in der Branche eingetragen.
In BÖRSE ONLINE
schreibt er über die Märkte.
Als ausgesprochener Euro-Skeptiker habe ich
die Zahlungsunfähigkeit eines der südeuropäischen
Länder von Anfang an als Risiko
betrachtet.
Das nun zur Abwendung der
Staatspleite Griechenlands beschlossene Rettungspaket
von 750 Milliarden Euro verstößt gegen die
Nichtbeistandsklausel des Vertrags von Maastricht. Deutsche
Steuerzahler haften für die Sünden anderer. Kein
Wunder, dass die Deutschen alarmiert sind und jetzt
sogar diskutiert wird, ob die D-Mark zurückkommt.
Der Euro ist meines Erachtens nicht gefährdet,
zumindest
nicht in den nächsten paar Jahren. Aber der
Griechenland-Fall hat Konsequenzen. Zunächst hat man
Griechenland ein drakonisches Sparprogramm verordnet.
Sparen ist aber in allen Euro-Staaten angesagt, denn
die Steuerzahler werden der nicht enden wollenden
Rettungsaktionen
zu ihren Lasten überdrüssig.
Seit Längerem sah es danach aus, dass die Europäische
Zentralbank als erste die Zinsen erhöhen würde.
Seit dem griechischen Drama ist aber das Gebot der
Stunde, die Rentenmärkte von Griechenland, Portugal,
Spanien und Italien funktionsfähig zu halten. Dazu bedarf
es niedriger Zinsen und einer reichlichen Liquidität.
Von Zinserhöhungen spricht jetzt niemand mehr.
Die Rohstoffpreise und der Ölpreis sind um rund
15
Prozent von ihren Höchstständen gefallen. Die Kapazitätsauslastung
ist noch immer gering, und die Arbeitslosigkeit
ist hoch. Da also die Inflation vorläufig keine
Sorgen bereitet, haben die Notenbanken freie Hand für
ihre relativ freizügige Geldpolitik. Das ist ein günstiges
Umfeld für Aktien. Die Unternehmensgewinne sprudeln
im ersten Quartal stärker als erwartet. Die Mehrzahl der
Firmen übertrifft nicht nur die Gewinn- und Umsatzprognosen,
sondern auch die Zahl derer, die ihren Jahresausblick
anheben, hat deutlich zugenommen. Das gilt
sowohl
für Europa als auch für die USA. Die Aktien sind
besonders vor diesem Hintergrund moderat bewertet.
Das 2010er-Kurs-Gewinn-Verhältnis für die europäischen
Börsen liegt zwischen zehn und zwölf, während amerikanische
Aktien etwas teurer sind. Derzeit liegt der Marktkonsens
für US-Unternehmen bei einem erwarteten Gewinnplus
von 18 Prozent für 2011. In Europa wird für das
Jahr 2011 ein Zuwachs von 23 Prozent prognostiziert.
Der Euro ist seit Jahresanfang gegenüber dem Dollar
um 16 Prozent gefallen. Das verschafft den Europäern
Vorteile, besonders den am Pranger stehenden südeuropäischen
Ländern. Die deutsche Exportwirtschaft profitiert
von dem billigen Euro wie auch von dem weltweiten
Konjunkturaufschwung. In einigen Schwellenländern
gibt es sogar schon Überhitzungserscheinungen.
Nach dem Ausverkauf bieten die europäischen Börsen
gute Chancen. Die Kurskorrektur im April/Mai hat
das Risikobewusstsein der Anleger erheblich verstärkt.
Es wird wohl noch einige Wochen brauchen, bis etwas
mehr Ruhe einkehrt. Danach bestehen für die nächsten
Monate gute Aussichten auf freundlichere Börsen.
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