Täglich verabschieden sich rund 10.000 Amerikaner in den Ruhestand. Geht es nach den Vorstellungen vieler, soll der Lebensabend vor allem mittels dividendenstarker Aktien finanziert werden.
Eigentlich ist Barry Uhl ein freundlicher, zuvorkommender Mann. Dennoch lehrt er US-Aktionäre das Fürchten. Der 59-jährige Filialleiter des Discountbrokers Scottrade hört dieser Tage auf zu arbeiten. Künftig will er sich in einem Tierheim engagieren - und von seinen Aktieninvestments leben. Seine Verkäufe stellen für sich genommen noch keine Bedrohung für den US-Aktienmarkt dar.

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Aber er ist einer von vielen, die Aktien zu Geld machen. Gerade weil das Aktiensparen als Altersvorsorge in Amerika so beliebt ist, wird es zum Problem. Verkaufen viele Babyboomer auf einmal ihre Aktienpositionen, um ihre goldenen Jahre in Florida zu finanzieren, kann dies den ganzen US-Aktienmarkt nach unten ziehen. Jüngst warnte sogar die Federal Reserve Bank von San Francisco vor diesem Problem: "In Rente gehende Babyboomer können die Aktienbewertungen für die kommenden zwei Dekaden nach unten drücken", fürchtet das Analystenteam der regionalen Notenbank. Für Anleger, die in US-Papiere investieren, muss das indes nicht das Ende der Welt bedeuten. Wer sich geschickt innerhalb des amerikanischen Marktes positioniert, kann von dem demografischen Trend sogar profitieren.
Schon 2030 werden 18 Prozent der US-Bevölkerung 65 Jahre und älter sein. Die ersten Babyboomer sind in diesem Jahr 65 geworden, und nach einer Analyse des überparteilichen Thinktanks Pew Research Center erreichen in den nächsten Dekaden täglich 10.000 Amerikaner das klassische Rentenalter. Der Trend an sich ist stark, aber für Aktien mag er sich noch verstärkt auswirken: Nach Untersuchungen des Investment Company Institute, des Verbands der Fondsgesellschaften, sind 44 Prozent aller Fondsbesitzer Babyboomer.
Die Fed in San Francisco schätzt, dass das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 von rund 15 im Jahr 2010 auf 8,3 im Jahr 2025 fallen wird, ehe es sich 2030 auf neun erholt. Bei ihrer Analyse sieht sie eine kausale Verbindung zwischen steigenden KGVs und den Topverdienstjahren der Babyboomer. Zwischen 1981 und 2000 erreichten die Boomer ihre Spitzeneinkommen, und das Markt-KGV verdreifachte sich von acht auf 24. Entsprechend erwarten die Analysten jetzt den Rückgang auf das alte Normalniveau. Allerdings kann es auch anders kommen: Vor sechs Jahren bereits hatte das US Government Accountability Office denselben Sachverhalt beleuchtet. Diese Behörde befand, dass die Furcht vor niedrigeren KGVs für US-Aktien übertrieben ist: "Viele ältere Menschen sparen weiter und geben ihre Ersparnisse nur sehr behutsam aus."
Viele Neurentner werden versuchen, ihr Vermögen so anzulegen, dass sie mit Zins- und Dividendeneinnahmen ihre staatliche Pension ausreichend aufbessern können: "In der Rente wollen die Boomer in Wirklichkeit mehr Investmenteinkommen erzielen", meint Savita Subramanian, Strategin bei der
Bank of America
Merrill Lynch. "Wir sehen schon heute, dass ältere Sparer sich weg von Kapitalsteigerung und hin zum Einkommen orientieren", bestätigt David Rosenberg, Chefökonom bei der Vermögensverwaltung Gluskin Sheff.
Amerikanische Staatsanleihen fallen für diese Zwecke aus, weil die Zinsen auf absehbare Zeit nicht die Inflation decken werden. Bleiben hoch verzinste Unternehmensanleihen und vor allem Dividendentitel. "Rendite ist derzeit ein knappes Gut", sagt Subramanian, "und die Jagd auf Renditen wird sich weiter steigern." Entsprechend erwartet sie deutliche Kursanstiege bei Aktien. Anleger, die auf den demografischen Trend setzen wollen, favorisieren also solide Dividendenwerte. Unternehmen mit einer starken Bilanz und hohen Eigenkapitalrenditen haben auch künftig Spielraum für Dividendensteigerungen.
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