Wissen

Investitionsverhalten Sind wir nicht alle ein bisschen algo?

[10:32, 22.11.11]


Nicht Informationsdefizite sind der Grund, dass Anleger immer hektischer agieren. Schuld ist ein Zuviel an Informationen. Warum es hin und wieder gut ist, auf Laptop oder Blackberry zu verzichten.


Ein Mann schreibt auf seinem Laptop

 Ein Mann schreibt auf seinem Laptop

"Irren ist menschlich, aber wer richtig Mist bauen will, der braucht einen Computer." Das geflügelte Wort, das dem amerikanischen Journalisten Dan Rather zugeschrieben wird, ziert als hübsch gestaltetes Postkärtchen so manchen Arbeitsplatz. Doch auch Anleger sollten darüber nachdenken, mit derlei in der Bahnhofsbücherei erhältlichen Sinnsprüchen ihren PC zu verschönern. Denn so nützlich die moderne IT bisweilen ist, so beeinflusst sie offenbar doch unserer Investitionsverhalten.

Nach Ansicht von Virginie Maisonneuve, Leiterin der Abteilung globale Aktienmärkte beim Investmenthaus Schroders, ist die Spaltung unserer Aufmerksamkeit durch die Nutzung elektronischer Geräte ein wichtiger Zukunftstrend. Nicht allein nur das Algo-Trading, bei dem in Blitzgeschwindigkeit Kauf- und Verkaufsaufträge durch die Netze gejagt werden, ist demnach verantwortlich für die starken Marktschwankungen, wie sie zuletzt zu beobachten waren. Sondern jeder Anleger, der mit Laptop, iPhone, iPad und Blackberry bewaffnet durch die Lande zieht.

Nun dürfte man meinen, dass ein Anleger, der regelmäßig und überall in der Lage ist, sich über das Weltgeschehen im Allgemeinen und das Marktgeschehen im Besonderen zu informieren, ungemein im Vorteil ist. Stimmt aber laut Maisonneuve gar nicht: "Es gibt Studien, die zeigen, dass es eine optimale Menge an Informationen gibt. Wird diese überschritten, treffen wir schlechtere Entscheidungen", sagt sie.

Laut der Nielsen Company, einem Analysehaus für Mediennutzung, haben Entscheider heute im Schnitt fünf bis sechs elektronische Informationsgeräte zur Hand. "Das verführt zu vorschnellen Entscheidungen", sagt Maisonneuve. Dass verkürzte Aufmerksamkeitsspannen die Daddelgeneration etwa in der Schule von dem zweifelhaften Vergnügen abhalten, Goethes "Erlkönig" auswendig zu lernen, beklagen Lehrer schon seit Längerem. Doch verspekuliert ein Anleger sich wirklich, weil ihn der Nachbar via Facebook-Statusmeldung über den aktuellen Belag seines Bagels informiert?

Laut der Präsentation von Schroders hat sich zumindest die Haltedauer bei Wertpapieren in den vergangenen 40 Jahren von sieben Jahren auf sieben Monate verkürzt - nicht zuletzt weil überinformierte Anleger wie aufgescheuchte Hühner wegen jeder Kleinigkeit ständig verkaufen oder kaufen.

Bleibt die Frage, was Investoren nun mit der Information, dass sie zu viele Informationen bekommen, anfangen sollen. "Versuchen, trotzdem langfristig zu denken", rät Aktienstrategin Maisonneuve.

Wenn Sie mehr Informationen dazu wollen, sagen Sie einfach Bescheid. Problemlösungen beginnt ja immer damit, zuzugeben, dass man ein Problem hat.


 

© 2011 ftd.de, © Illustration: AP

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