Anlegeranwälte
Vom Zocker zum Spießer
Von Bernd MikoschSie zerren Bankberater vor Gericht, kehren die Scherben diverser Steuersparmodelle zusammen und wittern in jedem Fondsprospekt einen Fehler: Anlegeranwälte dürfen sich über zu wenig Arbeit derzeit nicht beklagen. Doch wie legen sie eigentlich selbst ihr Geld an? Wie verwaltet jemand sein Vermögen, der dauernd mit geplatzten Träumen renditehungriger Anleger konfrontiert ist? Die FTD hat die Anlegeranwälte der Republik befragt – und erstaunlich offene Antworten bekommen.
Jeder Fachjurist setzt seine eigenen Schwerpunkte, einige Gemeinsamkeiten lassen sich jedoch ausmachen: Festgeld, Bundesanleihen und Immobilien sind in, Zertifikate out. Die meisten investieren inzwischen sehr konservativ, in früheren Jahren hat mancher aber an der Börse gezockt. Fehlschläge bis hin zum Totalverlust blieben nicht aus. Einige der Befragten beteiligen sich an Unternehmen, investieren da aber lieber direkt und scheuen den Weg über geschlossene Fonds.
Neuen Markt nicht ausgelassen
„Je mehr ich mich mit Anlagen beschäftige, umso weniger lege ich an“, sagt der Berliner Anwalt Dietmar Kälberer. Bis zur Jahrtausendwende hat er sich mit Aktien versucht und auch den Neuen Markt nicht ausgelassen. Besser liefen Schiffsbeteiligungen, die er Mitte der 90er-Jahre gezeichnet hatte. „Die haben sich dank der zeitweise extrem guten Charterentwicklung gerechnet“, sagt er. „Glück gehabt.“ Heute lässt er die Finger von geschlossenen Fonds oder von Zertifikaten. „Zu hohe Weichkosten und mangelnde Transparenz machen diese Anlagen allenfalls für den Vertrieb oder den Initiator zum Geschäft“, ist er überzeugt.
„Mitte der 80er-Jahre, als Student, dachte ich: Die Börse ist das Leben“, erzählt der Düsseldorfer Anwalt Jens Graf. „Mein Vater hatte nur in Festgeld investiert. Als ich erbte, habe ich von dem Geld Optionen gekauft und ein US-Brokerkonto eröffnet. Heute muss ich sagen: Mein Vater hat es richtig gemacht.“ Inzwischen gibt sich Graf vor allem mit mageren, aber sicheren Festgeldzinsen zufrieden. Er ärgert sich über die hohen Kosten seiner fondsgebundene Lebensversicherung, die er vor einigen Jahren abgeschlossen hat. „Damals war mir nicht klar, dass nicht nur die Versicherungspolice, sondern auch die Fonds mit Provisionen verseucht sind – und das dauerhaft!“
Hauptsächlich Betongold
Glück hatte Graf Mitte der 90er-Jahre, als ihm der Steuerexperte seiner alten Kanzlei davon abriet, sich an Berliner Sozialwohnungen zu beteiligen. „So bitter es klingt: Heute profitiere ich von den schlechten Erfahrungen, die meine Klienten machen mussten“, sagt er.
Auch sein Siegburger Kollege Hartmut Göddecke spekulierte als Student mit Aktien. Die Titel der Kerkerbachbahn, einer Verkehrsgesellschaft, die sich im Immobiliengeschäft verhob, bescherten ihm 1984 einen herben Verlust. „Unter dem Strich habe ich an der Börse aber Geld verdient“, sagt er. „Heute fehlt mir allerdings schlicht die Zeit, mich so intensiv um die Börse zu kümmern.“ Darum investiert er inzwischen hauptsächlich in Betongold – die eigenen vier Wände und einige vermietete Immobilien. Außerdem legt er in Bundesschatzbriefen an. „Liquidität ist mir sehr wichtig“, betont Göddecke.
Absolut risikoavers
Der Heidelberger Anwalt Mathias Nittel investiert ausschließlich in Festgeld. „Ich bin wegen meiner beruflichen Erfahrungen absolut risikoavers, quasi von Berufs wegen geschädigt“, sagt er. Sein Frankfurter Kollege Klaus Nieding, der auch Landesgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Hessen ist, wagt sich durchaus an Aktien heran. Er scheut aber Direktinvestments und setzt daher auf Fonds, weil er Interessenkonflikte vermeiden will, schließlich vertritt er die DSW etwa auf den Hauptversammlungen der
Commerzbank und der
Deutschen Bank.
Peter Hahn, Partner der Kanzlei HRP, ist nur in Immobilien und Lebensversicherungen investiert. Wegen einer fondsgebundenen Police fühlt er sich selbst falsch beraten, er klagt gegen den Berater, die Bank und den Versicherer. Dabei merkt er, dass sein Beruf manchmal auch Nachteile hat: „Die Gegenseite versucht anzuführen, dass eine weiter gehende Beratung wegen meiner Tätigkeit als Anlegeranwalt nicht erforderlich gewesen sei.“
Tonstudio mit Musikverlag
Als junger Anwalt hatte sich der Münchener Jurist Peter Mattil von einem Makler eine Berliner Immobilie aufdrängen lassen, die bislang keine Rendite abgeworfen hat. „Das hat mich schon sehr geärgert“, räumt er ein. Heute investiert er nur in Lagen, die er selbst kennt, und verzichtet auf Tipps von Maklern.
Jens-Peter Gieschen von der Kanzlei KWAG dagegen setzt vor allem auf Firmenbeteiligungen: „Wenn mir interessante Unternehmen auffallen, suche ich nach Möglichkeiten, mich direkt an diesen zu beteiligen“, sagt er. Investor an seiner Seite ist oft sein Anwaltspartner Jan-Henning Ahrens: „Vier kritische Augen sehr mehr als zwei“, sagt Gieschen. Der Berliner Jurist Wolfgang Schirp hat neben Immobilien zwei Exoten im Portfolio: „Ich bin mit anderen Deutschen an einem Tauchsafariboot in Ägypten beteiligt, und ich halte eine Beteiligung an einem Tonstudio mit angeschlossenem Musikverlag.“ Dafür habe er sich aus persönlichen Gründen entschieden, betont er. „Sie eignen sich nicht als Empfehlung für Dritte.“
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