BOERSE ONLINE
Suche
11:26, 27.08.10


Anlegerschutz

Wenn der Verstand aussetzt

Von Ute Göggelmann

Bundesadler

© dpa
Bundesadler

Rund 10 000 Euro hat er in einen geschlossenen Fonds einer Hamburger Firma gesteckt, die in Spanien vom Solarboom profitieren will, 15 000 Euro vertraute er einer Firma aus Mittelhessen als stille Beteiligung an, die mit Thermalquellenbohrungen Geld verdienen will. Wilhelm G. aus Niedersachsen zockt seit Jahren mit riskanten Anlagen.

„Mal mit Erfolg, mal geht das Geld hops“, sagt der 72-jährige Rentner der FTD. „Bei den Banken ist doch nichts zu holen“, begründet er, warum er sein Geld in den kaum beaufsichtigten grauen Kapitalmarkt steckt. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) spricht gar vom „schwarzen Kapitalmarkt“.

Bei Aussicht auf Kursverdopplung in Rekordzeit werden viele schwach

Sicher: G. ist kein typischer Anleger, und er steht zu seiner Gier. Aber wie er sind viele auf der Suche nach Anlagen, die mehr abwerfen als herkömmliche Investments. Tagesgeld bringt kaum mehr als zwei Prozent, Bundesanleihen rentieren so niedrig wie nie, und auch an der Börse könnte schon bald die Luft raus sein, fürchten viele.

Kein Wunder also, dass der graue Kapitalmarkt viele Anleger anlockt. Ob dubiose Beteiligungssparpläne, Diamantenhandel oder Warentermingeschäfte: Bei Renditeversprechen von zehn Prozent und mehr oder einer Kursverdoppelung in Rekordzeit werden viele schwach.

Grauer Kapitalmarkt ist in der EU ein Unikum

Vor allem die Deutschen. „Der kaum regulierte graue Kapitalmarkt ist ein Unikum, das in dieser Ausprägung in keinem anderen EU-Land existiert“, ergab 2008 eine Studie im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums. Schäden von 20 bis 30 Mrd. Euro zählt der Deutsche Anlegerschutzbund (DASB) – jährlich und allen Aufklärungsversuchen und Gesetzesänderungen zum Trotz. Das Bundeskriminalamt (BKA) weist für 2009 mehr als 18 000 Betrugs- und Untreuefälle im Zusammenhang mit Beteiligungen und Kapitalanlagen aus, die Dunkelziffer ist hoch.

Gekonnt spielen halbseidene Vermittler mit den Ängsten der Anleger vor Inflation, Deflation oder Börsencrash, und die Finanzkrise spielt ihnen in die Hände. Sie locken Anleger in Goldinvestments oder Beteiligungen von Schrottimmobilien, natürlich verbunden mit üppigen Gebühren und Provisionszahlungen an die Vermittler.

Liste prominenter Betrugsfälle ist lang

Die Liste prominenter Betrugsfälle ist lang: Beim Schneeballsystem von Phoenix Kapitaldienst, der 2005 pleiteging, verloren knapp 30 000 Anleger rund 650 Mio. Euro. 2006 wurden 38 000 Anleger mit Inhaberschuldverschreibungen der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig West um rund 300 Mio. Euro betrogen. 2007 erfuhren 93 000 Investoren, dass ihre Altersvorsorge aus atypischen stillen Beteiligungen der Göttinger Gruppe futsch ist.

Und seit 2009 zittern 8000 Kunden des angeblichen Hedge-Fonds-Managers Helmut Kiener um insgesamt 500 Mio. Euro – nicht umsonst gilt er als der deutsche Bernard Madoff. Monatlich hagelt es Meldungen über Minigesellschaften, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen und Insolvenz anmelden müssen.

Weder Anlagen noch Verkäufer wurden komplett beaufsichtigt

Das Abzocken von Anlegern funktioniert in Deutschland seit Jahren bestens, weil weder Verkäufer dubioser Finanzprodukte noch die Anlagen selbst bisher komplett unter die Finanzaufsicht fallen. Finanzberater darf sich jeder nennen. Zudem sind die typischen Produkte des grauen Kapitalmarkts – geschlossene Fonds und atypische stille Beteiligungen – für Privatanleger überhaupt nicht geeignet, urteilen Verbraucherverbände. In Frankreich und Großbritannien etwa dürfen sie Kleinanlegern nicht einmal angeboten werden.

„Bei atypischen stillen Beteiligungen sind Anleger nicht nur am Gewinn beteiligt, sondern haften auch für die Risiken der Firma“, erläutert Anwalt Peter Mattil, der die Graumarktszene seit Jahrzehnten kennt. „Bei einer Insolvenz ist alles weg.“ Hinzu kommt, dass bei solchen Anlageformen im Pleitefall keine Haftung einspringt. Im regulierten „weißen“ Markt sind Spar- und Depoteinlagen dagegen teils oder ganz abgesichert.

Graumarkt galt als Hort für Schwarzgeldwäsche

Lange Zeit vertraten Politik und Justiz gemeinsam die Auffassung, dass die Bürger nicht vor jeder Dummheit geschützt werden könnten. Zudem berichten Anlegeranwälte und Insolvenzverwalter hinter vorgehaltener Hand, dass im Graumarkt Schwarzgeld gewaschen wird. Die Vermittler werben mit „steueroptimierten Lösungen in der Schweiz“.

Immerhin: In jüngster Zeit hat ein Umdenken beim Gesetzgeber eingesetzt. Schließlich könnten geprellte Anleger, die ihr Geld am Graumarkt verbrennen, anstatt für das Alter vorzusorgen, dem Staat später als Empfänger staatlicher Transferleistungen zur Last fallen.

So verspricht die Bundesregierung, Aufsichtslücken zu schließen. Anlegergerechte Beratung, Mindestanforderungen für Vermittler, Offenlegen von Provisionen und Protokolle über Beratungsgespräche sollen den Sumpf trockenlegen. Die BaFin soll mehr Macht bekommen, um Verstöße besser ahnden zu können. Wegen Streitereien in der Koalition allerdings verzögern sich die neuen Regeln bis 2011. G. bleibt also noch Zeit für Überrenditen – oder Totalverlust.

Seite 1 von 1




Diesen Artikel bookmarken bei...

BlinkList del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena Mister Wong oneview Webnews weblinkr Yahoo MyWeb YiGG

© 2010 Börse Online = Börse Online, © Bild: dpa


Schreiben Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel


Ihre Meinung

Ich bin registrierter User und möchte mich anmelden »

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird nicht veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar


 





Newsletter Foren RSS-Feed

Impressum / Kontakt | AGB | Datenschutz | Abo-Shop | Online-Werbung | Print-Werbung

Bei technischen Problemen auf der Website www.graumarktinfo.de mailen Sie bitte hier unserem Webmaster

Weitere Online-Angebote des Verlagshauses G+J AG & Co KG

G+J Glossar, Partner-Angebote