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10:57, 18.08.09


Finanz-TÜV

Siegel mit Macken

Von Renate Daum


Bevor ein Föhn oder ein Rasierer auf den Markt kommen, haben Prüfkonzerne das letzte Wort. Sie vergeben nur dann ihren Stempel, wenn keine Gefahren für Verbraucher erkennbar sind. Bei der Geldanlage fehlt bislang ein solches Prüfsiegel, obwohl geschlossene Fonds, Genussrechte und ähnliche Produkte weitgehend unreguliert sind und viele Bürger damit für ihr Alter vorsorgen wollen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) untersucht nur, ob die Verkaufsprospekte formalen Vorschriften genügen. Die BaFin sei nicht in der Lage, Produkte auch inhaltlich zu prüfen, sagte ein Vertreter der Anstalt in einer Bundestagsanhörung im Juli. Daher werden Rufe nach einem „Finanz-TÜV“ immer lauter.

Viele Initiatoren geschlossener Fonds lassen bereits freiwillig Beurteilungen von Wirtschaftsprüfern erstellen, die als „IDW-Gutachten“ bekannt sind. Der Verband Geschlossene Fonds schlägt vor, das einfach zur Pflicht zu machen. Ein Geschäftsfeld wittern die Prüfkonzerne, vor allem der TÜV Nord, der bereits Zertifikate für die Plausibilität von Anlageprodukten ausstellt. „Grundsätzlich sind wir in der Lage, hier mitzuwirken“, teilt Hans-Günter Seewald von der Zertifizierstelle bei TÜV Nord Cert in Essen, einer Tochter des TÜV Nord, mit. Es sei naheliegend, „wenn die TÜV eine maßgebliche Rolle im Finanzsektor übernehmen und mit ihrer Unabhängigkeit und Neutralität als Regulativ wirken.“

Das Konzept ist schlicht

Doch solche Siegel und Gutachten haben für Anleger nur eine begrenzte Aussagekraft, wie das Beispiel des Capital Garant Ratenfonds aus Neubiberg bei München zeigt. Auf den ersten Blick ein Bilderbuchfonds. Der Geschäftsführung gehört mit Ex-Generalbundesanwalt Alexander von Stahl ein hochkarätiger Jurist an. Den Prospekt hat die renommierte Kanzlei GSK Stockmann + Kollegen erstellt, auch ein IDW-Gutachten liegt vor, und der T ÜV Nord Cert vergab ein „Sehr gut“.

Das Konzept des Fonds ist schlicht. Der Initiator will über Einmalzahlungen und Ratensparpläne 49,5 Mio. E einsammeln und in Investmentfonds sowie Null-Kupon-Schuldscheindarlehen stecken. Dafür ist eigentlich kein geschlossener Fonds nötig, der Anlegern etliche Nachteile beschert. So können sie ihre Anteile nicht einfach verkaufen, und im Fall eines Scheiterns darf ein Insolvenzverwalter ausstehende Raten weiterhin einfordern. Der Fondsanbieter nennt steuerliche Vorzüge als Vorteil. Ob sie die Nachteile wettmachen, ist fraglich.

Millionen addiert statt abgezogen

Zudem stieß die Wirtschaftsprüferin bei der Arbeit für ihr Gutachten nach IDW-Standard auf mehrere Fehler. So hatte der Fonds 12,5 Millionen Euro kumuliertes Anlagevermögen im Jahr 2011 eingeplant. Korrekt waren 1,1 Millionen Euro – der Fonds hatte schlicht einige Millionen addiert statt abgezogen. Berichtigungen und Ergänzungen nehmen eine ganze Seite im Verkaufsprospekt ein. Mit einigen für Anleger wichtigen Fragen, etwa ob angesetzte Vergütungen angemessen sind, beschäftigt sich das IDW-Gutachten nicht.

Dagegen ist beim TÜV für die Kosten ein extra Prüffeld vorgesehen. Der Capital Garant, den die Mesotron Commerz aus Bielefeld im Auftrag des TÜV Nord unter die Lupe nahm, erhielt hier ein „Sehr gut“. Allein für die Anlagebetreuung fallen bis zu vier Prozent des gezahlten Gesellschaftsvermögens an – pro Jahr.

Irritierend ist die Gesamtbewertung

„Die im Prospekt angegebenen Kosten sind Maximalkosten. Der prospektierte Kostenrahmen wurde bisher bei weitem nicht ausgeschöpft“, teilt der Fonds dazu mit. Wortwörtlich die gleiche Formulierung findet sich später in einer Stellungnahme von TÜV-Mann Seewald wieder. Auch andere Antworten des TÜV entsprechen fast wortwörtlich den Aussagen des Fonds, gerade so, als habe sich der TÜV an den Antworten des Fonds orientiert.

Irritierend ist auch die Gesamtbewertung. Aus den gewichteten Noten der 15 Prüffelder erstellt der TÜV einen Index. Wie sich dieser errechnet, erklärt er in seinem Bericht nicht. So hatte ein anderer Fonds, der Premium Vermögensverwaltung, in den Prüfungsfeldern in der Summe bessere Noten erhalten als der Capital Garant. In der Gesamtnote gab es aber nur ein „Gut“. Der TÜV Nord gab dazu keine Erklärung ab.

Nicht nachvollziehbare Noten hatte es auch schon beim TÜV Rheinland gegeben, der 2006 die Prüfung der Fondsplausibilität eingeführt hatte, ein Jahr später aber wieder ausstieg. Begründung: Verbraucher sähen in der Zertifizierung so etwas wie eine Garantie, dass die zu erwartenden Renditen erzielbar seien. Aber genau das leiste diese Zertifizierung nicht.

gefunden in der Financial Times Deutschland


gefunden in der Financial Times Deutschland

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