TÜV-Siegel
Im Zertifizierungsdschungel
Von Renate DaumDieter Olejar, Vorstand Die Versicherungs- und Rentenberater AG (DVR AG) in Kirchheim ist nicht gut auf Prüfkonzerne zu sprechen, die das Kürzel „TÜV“ im Namen tragen. Ein TÜV-Stempel wirke auf die Verbraucher „wie ein Hoheitszeichen“, sagt er. Mit dem Finger deutet er auf die Wand neben sich. „Das ist wie ein Zertifikat, dass diese Fläche beige-gelb ist.“ Mehr Aussagekraft habe eine Zertifizierung im Bereich Geldanlage und Finanzen nicht. Seine Kanzlei befasst sich mit der Konformitätsprüfung betrieblicher Versicherungsverträge. Immer wieder sei er auf Siegel gestoßen, an deren Sinnhaftigkeit er zweifelte.
Auch Hans-Hermann Lüschen, dem Geschäftsführer der VERS Versicherungsberater-Gesellschaft mbH aus Berlin erging es so. Deshalb haben sie sogar zusammen mit der Technischen Überwachungsgemeinschaft TÜg aus Freiburg, einem kleinen Wettbewerber der TÜV-Konzerne, eine Studie zu TÜV-Siegeln im Bereich Finanzen in Auftrag gegeben.
Nur eine Scheinsicherheit
Geschrieben hat sie der Mathematiker Werner Siepe. Er hatte dem TÜV Nord 2009 in einer Studie für den AfW Arbeitgeberverband der finanzdienstleistenden Wirtschaft Fehler in seinem Notensystem für geprüfte Fondsplausibilität nachgewiesen. Dieser hatte die Notenvergabe später eingestellt. Diesmal nimmt sich Siepe alle TÜV und alle Finanzsiegel vor. Die TÜV-Konzerne testen im Bereich Finanzen fast alles von der Beratungsqualität einer Bank bis zur Software für Altersvorsorgeprodukte. Doch das Ergebnis der 66 Seiten ist ähnlich wie bei der AfW-Studie.
Was solche Siegel genau besagen, erkennen Verbraucher aber schwer. „Nur eine Scheinsicherheit“ böten einige daher, befürchtet er. Selbst Branchenkenner tun sich schwer, den Überblick zu behalten. Siepe hat eine Reihe exotischer Siegel gefunden. „Zertifizierter Fonds-Spezialist TÜV Süd Standard AKD 0506“ zum Beispiel. Was darunter zu verstehen ist, können selbst Zertifizierungsexperten nicht auf Anhieb sagen. Von vielen Zertifikaten haben sie noch nicht einmal gehört.
Selbst Experten verlieren den Überblick
Ein Wildwuchs ist entstanden. Denn der Bereich Finanzen fällt nicht unter den geregelten Bereich von Prüfungen mit gesetzlicher Grundlage, wie etwa die Hauptuntersuchung bei Autos. Jeder TÜV kann seine eigenen Standards setzen.
Siepe führt zahlreiche Beispiele auf, bei denen Verbraucher Schwierigkeiten mit der richtigen Einschätzung haben könnten. Der TÜV Süd und der TÜV Saarland haben etwa die Servicequalität der Victoria Versicherung geprüft. Der Studienautor fragt sich, was die Verbraucher davon haben. Für Kunden mit einer kapitalbildenden Police etwa sei die Verzinsung mindestens so wichtig wie der Service. Dabei schneide Victoria aber seit Jahren unterdurchschnittlich ab. „Wir weisen darauf hin, dass wir weder einzelne Produkte zertifiziert noch empfohlen haben. Wir haben uns bei der Zertifizierung auch nicht auf ein einzelnes Segment beschränkt“, sagt Jürgen Topp vom TÜV Saarland.
Nur bestimmten Bereich geprüft
Eine Sprecherin des TÜV Süd sagte, die Studie liege dem Prüfkonzern noch nicht vor, so dass eine detaillierte Stellungnahme nicht möglich sei. Die bislang draus bekannt gewordenen Vorwürfe seien „auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar“. Der TÜV Süd frage zum Beispiel sehr wohl die fachliche Kompetenz bei der Zertifizierung für Beratungsqualität ab.
In der Studie ist auch das Beispiel BW Bank aufgeführt: Der TÜV Süd hat ihre Beratungsqualität zertifiziert. In einer Untersuchung von Finanztest kam sie auf einen der hinteren Plätze. Das Zertifikat sei für den Bereich „Private Banking“ vergeben worden, heißt es beim TÜV Süd, also die Beratung vermögender Privatkunden. „Wir führen jedes Jahr 400 Gespräche durch. Das Design der Finanztest-Studie kennen wir nicht“, sagte die Sprecherin.
Professor lobt Siegel des TÜV Süd
Der TÜV Süd ließ sein Konzept für die Zertifizierung der Beratungsqualität sogar wissenschaftlich überprüfen. Der Wirtschaftsprofessor Peter Rossbach von der Frankfurt School of Finance & Management begutachtete es auf Vollständigkeit und Logik. Sein Fazit: „Ich halte es für ein sehr gutes Siegel.“ Er wehrt sich gegen die Kritik und stellt fest: „Kundenbefragungen sind nur einer von mehreren Bausteinen einer solchen Prüfung. Unangekündigte Testberatungen lässt auch Finanztest durchführen.“ Er räumt aber ein, dass es schwierig sei, zu erkennen, für was ein Siegel genau stehe: „Die TÜV sollten das besser erklären.“
Nur auf Kundenbefragungen zu setzen, sei zum Beispiel in der Tat zu wenig. Einige TÜV bieten solche Zertifikate an, etwa der TÜV Nord und der TÜV Saarland. Der TÜV Nord prüfte 2007 und 2008 im Kundenauftrag und auf Basis einer umfangsreichen Umfrage eines unabhängigen Marktforschungsinstitut die damalige Zufriedenheit der Kunden des heute insolventen Krankenversicherungsvertriebs MEG AG aus Kassel. Laut Insolvenzverwalter seien im Zusammenhang mit der Insolvenz im Jahr 2009 bis zu 70 Prozent der Kundenverträge storniert worden.
Kein Rund-um-Sorglos-Stempel
Hans-Günter Seewald , der Zertifizierungsurkunden für den TÜV Nord unterzeichnet, sieht keinen Zusammenhang zwischen der TÜV-geprüften Kundenzufriedenheit in den Jahren 2007 und 2008 und den aufgrund der Insolvenz erfolgten Stornierungen der Kundenverträge in 2009. Aus seiner Sicht ist es menschlich nachvollziehbar und verständlich, dass ein Anleger durch Stornierung seiner Verträge versucht, nicht durch die Insolvenz einer Gesellschaft in finanzielle Mitleidenschaft gezogen zu werden. "Ein TÜV-Siegel ist kein Rund-um-Sorglos-Stempel für Kunden", betont er. Es umfasse lediglich einen Teil der für eine Investitionsentscheidung notwendigen Aspekte. Wir achten darauf, dass die von uns zertifizierten Unternehmen nur aktuell gültige Siegel einsetzen und deren Prüfinhalte sorgfältig und genau kommunizieren." Er fügt hinzu: "Dagegen werben beispielsweise Hersteller von Babynahrung mit guten Prüfungsergebnissen der Stiftung Warentest oder Öko-Test, die teilweise bereits über 5 Jahre zurückliegen."
Versicherungsexperte Olejar ist dennoch nicht zufrieden: „Es kann nicht sein, dass es im Bereich technischer Produkte sehr strenge Maßstäbe gelten und im Bereich Finanzen nicht“, poltert Olejar, noch dazu, wenn die TÜV versuchten, jegliche Haftung dafür auszuschließen. Der Marke TÜV tut der Wildwuchs auf jeden Fall nicht gut.
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