Psychogramm
Der Gentleman-Betrüger
Von Nadine Oberhuber
Man könnte auch sagen, er ist ein High-Society-Abzocker. Das heißt nicht, dass er nur Betuchte um ihr Geld bringt, sondern dass er sich selbst gern in den Kreisen der High-Society bewegt und seinen Ruf als bekannter und erfolgreicher Geschäftsmann nutzt, um Anlegergelder einzuwerben. Auch Kleinstbeträge von Ottonormalanlegern.
Er tritt auf wie ein schnöseliger Jungunternehmer und wirkt dynamisch. Er ist überall dabei, präsentiert sich gern in der Öffentlichkeit und umgibt sich dann mit denen, die es ebenfalls geschafft haben. Das unterstreicht seinen Erfolg. Der Gentleman-Betrüger ist aber dennoch charismatisch. Denn er will nicht durch seine Großspurigkeit abschrecken, sondern Vertrauen ausstrahlen. Der Gentlemanbetrüger ist fast immer männlich. Lady-Abzocker finden sich in der Geschichte – im Gegensatz zu den Gemeinderatsbetrügerinnen - nur höchst selten.
Der Gentlemanbetrüger pflegt einen luxuriösen Lebensstil und verhehlt den auch nicht. Er stellt sein Geld einfach gern zur Schau: kleidet sich in schicken Zwirn, fährt große Autos und leistet sich teure Spielzeuge wie Motoryachten und neueste Anzüge. Ergänzend zu diesem präsentierten Reichtum erzählt er aber besonders gern die Geschichte, wie er sich aus kleinen Kreisen hochgearbeitet hat. Das macht ihn für viele zusätzlich sympathisch: Hier kommt kein Mann, der qua Geburt mit Geld gesegnet war, sondern jemand, der mit eigener Strategie und Cleverness reich geworden ist. Anleger sollen neidisch werden und denken: Was der geschafft hat, schaffe ich auch. Oder: Der hilft mir, von dessen Strategie schneide ich mir eine Scheibe ab.
Er hat nicht zwingend irgendeine spezielle Bildung oder Ausbildung. Vielmehr hat der Markt in dieser Liga schon Abzocker jeglicher Berufcouleur gesehen. Dafür hat der Gentleman-Abzocker aber eine ungeheure Phantasie. Vor allem legt er ein ausgezeichnetes Vorstellungsvermögen an den Tag, wenn es darum geht, anderen zu erzählen, wie sich die Firma oder das Tradingsystem künftig entwickeln werden. Und in welche ungeahnten Höhen sie noch aufsteigen werden.
Das verkauft er dann mit ungeheurer Überzeugungskraft. Logisch begründen muss er solche Prognosen auch meist nicht, beobachten Kriminalpsychologen. Im Gegenteil, je waghalsiger die Ausführungen sind, desto leichteres Spiel haben die Abzocker oft. Wenn etwas offensichtlich überzogen klingt, so erklären die Psychologen, denken viele Anleger: "Es wäre ja längst aufgeflogen, wenn da etwas faul wäre. Es kann ja nicht sein, dass ich der einzige bin, dem das auffällt."
Der Gentlemanbetrüger tritt kompetent und gewandt auf. Er ist schließlich auch intelligent bis sehr intelligent - zumindest auf der Ebene, die man als emotionale Intelligenz bezeichnet. Außerdem ist er flexibel, was die Begründung diverser Ungereimtheiten angeht und die Reaktion auf bohrende Nachfragen. Außerdem muss er ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben, um sich die eigenen Lügengeschichten auch zu merken.
Das Auffälligste an ihm ist aber: Er umgibt sich gern mit Prominenten oder High-Society-Leuten. Die sind bekannt und verleihen ihm eine besondere Glaubwürdigkeit. Was würde besser den Rang eines Unternehmers besser unterstreichen als ein Bild mit einem Bundeskanzler, Mit Vorliebe profiliert sich der Gentleman-Betrüger auch als Sponsor eines bekannten Sportteams oder Fußballclubs, denn was trägt seinen Namen besser und positiver in die Öffentlichkeit, als herausragende sportliche Erfolge?
Weltgewandtheit ist ebenfalls sehr wichtig in seinem Metier. Seine Firma sitzt bevorzugt auf den Cayman Islands, in Grenada, auf den British Virgin Islands oder in einem sonstigen Steuerparadies. Diese exotische Scheinwelt soll den Anlegern signalisieren: Die Firma ist international aktiv und durch das geschickte Ausnutzen steuerlicher Konstruktionen besteht die reelle Aussicht auf überdurchschnittliche Renditen. Auch die Firmenstandorte Luxemburg, Liechtenstein und die Schweiz tauchen in den Karteien der Kriminalisten immer häufiger auf.
Risiken? Die gibt es bei ihm nicht
Ein weiterer markanter Zug des Gentleman-Abzockers: Er kümmert sich zwar intensiv um seine Kunden, doch Risiken thematisiert er lieber nicht. Die sind laut seinen Aussagen bei dieser Form der Anlage so gut wie ausgeschlossen. Über mögliche Verluste denken ohnehin nur Verlierer nach. Deshalb richtet er sich auch gern an Kleinsparer, die ihr Geld besonders sicher anlegen wollen: Schon mit einer Einstiegssumme ab 20.000 oder 50.000 Euro oder mit Ratensparplänen sind sie dabei. Schließlich haben auch Kleinanleger ein Recht auf große Gewinne. Klingt das nicht edel? Viele glauben es jedenfalls nur zu gerne.
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