Psychogramme
Der nette Mann von nebenan
Von Nadine OberhuberStreichen Sie zwei Sätze aus Ihrem Wortschatz: Die Sätze "Betrügern geht es nur ums Geld" und "ich würde einen Betrüger erkennen – das sind eher unsympathische Leute". Beide Sätze sind schlicht falsch, haben Kriminalpsychologen herausgefunden. Aber weil viele Anleger das nicht wissen, haben Abzocker oft leichtes Spiel.
Sie machen Jahr für Jahr fette Beute: Rund 40 Milliarden Euro zocken Kapitalanlagebetrüger jährlich von deutschen Anlegern ab, schätzen Verbraucherschützer. Allein im Jahr 2006 hat es laut Bundeskriminalamt (BKA) 18.000 gemeldete Fälle von betrügerischen Wertpapiergeschäften, Veruntreuung und faulen Unternehmen gegeben. Und das sind nur die aufgeflogenen Fälle. Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher liegen, schätzt das BKA.
Doch was treibt die Gründer von Scheinfirmen, anderen Millionendeals vorzugaukeln? Wie dreist sind die Menschen, die Schneeballsysteme entwickeln und Millionen einkassieren, obwohl keine realen Wertentwicklungen dahinter stehen? Womit überzeugen sie Anleger? Und wieso können sich die Erfinder solcher Konstrukte über Jahre frei an Anlagegeldern bedienen? Fallen solche Schwindeleien denn niemandem auf? Nicht alle diese Fragen lassen sich eindeutig beantworten, aber wer mehr über die typischen Charakterzüge von Betrügern weiß, tut sich leichter, Fälle von Kapitalanlagebetrug zu verstehen und in Zukunft vielleicht dubiose Angebote zu erkennen.
Das Gemeinste an den Grauen Stars ist: Sie sind nicht unsympathisch. Keine Ekelpakete. Im Gegenteil, die Täter sind "extrem smarte und meist unauffällige Leute", sagt Hermann J. Liebel, Kriminalpsychologe der Universität Bamberg, die oft einen gewinnenden Charme haben. Oder die sehr vertrauensvoll wirken. Sie besitzen oft das, was Liebel als die typische Vertretermentalität bezeichnet: Sie haben hohe soziale Kompetenz und große Überzeugungskraft. Liebel betont: "Sie sind brutal charismatisch und auch sehr redegewandt. Auch, wenn sie im finanziellen Bereich oft Dilettanten sind, sie sind am Ende die besseren Psychologen."
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